Neues von den Patientenorganisationen

10
Sep.

Mein Blick auf die Psychoonkologie – Ein persönlicher Erfahrungsbericht von Matthias Jung

Als jemand, der selbst den Weg durch eine psychokardiologische Erkrankung geht und die damit verbundenen Erfahrungen intensiv reflektiert, verfolge ich mit großer Anerkennung und tiefer Bewunderung die beeindruckende Entwicklung der Psychoonkologie und ihre wachsende Bedeutung für Betroffene und auch für deren Angehörige. Die eigenen Erfahrungen mit der Wechselwirkung zwischen körperlichen Symptomen und seelischen Belastungen haben mir gezeigt, wie wichtig es ist, beide Aspekte einer Erkrankung gleichberechtigt zu betrachten und zu behandeln.

Die Pionierrolle der Psychoonkologie
Wenn ich die Fortschritte in der Psychoonkologie betrachte, sehe ich eine Disziplin, die den Mut hatte, Neuland zu betreten. Bereits in den 1970er Jahren wurde – international vor allem durch Pionierinnen wie Jimmie Holland in den USA – erkannt, dass eine Krebsdiagnose nicht nur den Körper, sondern auch die Seele trifft.

In Deutschland setzte die systematische Entwicklung psychoonkologischer Versorgungsstrukturen ab den 1980er Jahren ein. Heute mündet diese Entwicklung in einer eigenen S3-Leitlinie, die für die Versorgung erwachsener Krebspatienten den Goldstandard darstellt. Als Betroffener einer Herzerkran- kung mit psychischen Komponenten kann ich nachvollziehen, welch enormen Bedarf es für solche strukturierten Ansätze gibt. Die existenzielle Bedrohung, die eine Krebsdiagnose mit sich bringt, die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit – all das kenne ich aus meiner eigenen Erfahrung mit dem Herzen, auch wenn sich die Krankheitsverläufe unterscheiden.

Parallelen und Unterschiede
Besonders beeindruckt mich, dass Studien zufolge bis zu 50 % aller Krebspatienten klinisch relevante psychische Belastungen entwickeln – Depressionen, Angststörungen oder Anpassungsstörungen. In der Psychokardiologie bewegen wir uns in ähnlichen Bereichen, auch hier sind psychische Komorbiditäten deutlich häufiger als in der Allgemeinbevölkerung.

Das Broken-Heart-Syndrom
(Takotsubo-Kardiomyopathie) ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie starke Emotionen direkten Einfluss auf unser Herz nehmen können – ein Mechanismus, der auch bei Krebspatienten eine Rolle spielen kann. Der Unterschied liegt oft in der Art der Bedrohung: Während Krebs häufig als akute, existenzielle Krise erlebt wird, entwickeln sich Herzerkrankungen häufiger chronisch-progredient.
Beide Wege führen jedoch zu ähnlichen psychischen Belastungen – Angst, Depression, Anpassungs- störungen.

Die S3-Leitlinie: Ein wichtiger Meilenstein
Die Existenz einer eigenen S3- Leitlinie für die Psychoonkologie („Psychoonkologische Diagnostik, Beratung und Behandlung von erwachsenen Krebspatienten“, AWMF 032-051OL, 2023) ist für mich ein wichtiger Meilenstein. Sie zeigt, dass die Wechselwirkungen zwischen Körper und Psyche endlich die Anerkennung finden, die sie verdienen. Für die Psychokardiologie gibt es bislang keine eigenständige S3-Leitlinie. Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie und internationale Fachgesellschaften haben jedoch Positionspapiere veröffentlicht, die psychosoziale Faktoren in bestehende Behandlungskonzepte integrieren – ein pragmatischer und wirksamer Ansatz.

Voneinander lernen
Faszinierend finde ich das Potenzial des gegenseitigen Lernens: Die Psychoonkologie zeigt, wie wichtig systematisches Distress-Screening, interprofessionelle Teams und die Einbindung von Angehörigen sind. Diese Erkenntnisse finden zunehmend auch in der psychokardiologischen Praxis Anwendung. Umgekehrt kann die Psychoonkologie von der Psychokardiologie profitieren, etwa bei der Betrachtung chronischer Krankheitsverläufe und langfristiger Anpassungsprozesse. Das Broken-Heart-Syndrom verdeutlicht, wie psychische Belastungen akute körperliche Symptome auslösen können – ein Mechanismus, der im onkologischen Kontext ebenfalls relevant ist.

Mein persönlicher Ausblick
Als jemand, der sowohl die dunklen Täler als auch die Hoffnungsmomente einer psychokardiologi- schen Erkrankung erlebt hat, bin ich dankbar für jede Initiative, die das Bewusstsein für die Verbindung von Körper und Seele stärkt. Die Psychoonkologie ist dabei ein wichtiger Wegbereiter.
Meine Hoffnung ist, dass beide Disziplinen weiterhin voneinander lernen und sich gegenseitig berei- chern. Denn am Ende geht es um das Gleiche: Menschen in schweren Krankheitsphasen nicht nur medizinisch, sondern ganzheitlich zu begleiten und ihre Lebensqualität zu verbessern.
Die Tatsache, dass die Psychoonkologie eine eigene S3-Leitlinie hat, ist ein Zeichen dafür, dass die Medizin zunehmend versteht: Heilung betrifft nicht nur den Körper, sondern immer auch die Seele. Das ist ein wichtiger Schritt für alle Bereiche der Medizin – und ein hoffnungsvolles Signal für alle Betroffenen, die wie ich gelernt haben, dass Herz und Seele untrennbar miteinander verbunden sind.
In diesem Sinne blicke ich mit Respekt und Dankbarkeit auf die Pionierarbeit der Psychoonkologie und freue mich auf weitere Entwicklungen, die beiden Disziplinen zugutekommen werden.

Euer Matthias Jung

Matthias ist Gründer der Initiative “Gut zum Herz” und seit kurzem Mitglied der O-Mamori Community. Du kannst deine Fragen und eigenen Impulse direkt hier in das Kommentarfeld schreiben. Und Matthias natürlich auch über das Mitgliederverzeichnis persönlich kontaktieren.

Das Foto wurde uns freundlicherweise von Matthias Jung zur Verfügung gestellt.

DE/CVD/08/25/0012

1 Kommentar

  1. Barbara Staecker

    vielen Dank für diesen wichtigen Beitrag. Das zentrale Thema dabei ist die “ganzheitliche Betrachtung” eines erkrankten Menschen. Mit meiner Arbeit bei Nana -Recover your smile versuchen wir ebenfalls einen kleinen Teilaspekt bei onkolog. Patienten zu beeinflussen, die Selbstwahrnehmung, das Selbstbild und somit die Selbstliebe. Aber auch aus eigener Erfahrung in der engsten Familie weiß ich zu gut, dass nach einem kardiologischen Akutereignis die schulmedizinische Behandlung nur einen kleinen Teil der Heilung darstellt – es dauert bis das Vertrauen zum eigenen Körper wiederkehrt – umso wichtiger finde ich, dass nach der inzwischen etablierten Psychoonkologie auch gesehen wird, wie nötig eine Unterstützung von kardiologischen Patienten ist. “Gut zum Herz” ist somit eine großartige Initiative!

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